Wanne-Eickel. Das Robotik-System Ion ist die jüngste Neuanaschaffung im Thoraxzentrum Ruhrgebiet und ein Meilenstein in der Früherkennung von Lungenkrebs. Dahinter verbirgt sich eine robotergestützte Bronchoskopie, mit der sich selbst sehr kleine Knoten zielsicher zur Probenentnahme ansteuern lassen, die bisher kaum erreichbar waren. Das Thoraxzentrum Ruhrgebiet, eine Fachklinik für Thoraxchirurgie, Pneumologie und Thorakale Onkologie am Evangelischen Krankenhaus Herne-Eickel sowie der Pneumologie in den Augusta-Kliniken Bochum, ist damit optimal aufgestellt für das Screening von Risikopatienten, das im April gestartet ist. Ion ist der inzwischen dritte Roboter, der in Wanne-Eickel zum Einsatz kommt. In keiner anderen Thoraxchirurgie in Europa profitieren Patienten bei der Diagnostik und Behandlung von Lungenkrebs von so vielen verschiedenen Robotik-Systemen.
Besteht der Verdacht auf Lungenkrebs, weil beispielsweise in Röntgenaufnahmen Verschattungen festgestellt wurden, wird in der Regel zur weiteren Abklärung eine Spiegelung der Atemwege, die sogenannte Bronchoskopie, durchgeführt, bei der eine Gewebeprobe entnommen wird. Was einfach klingt, ist für Ärzte oft eine Herausforderung. Denn mehr als sieben von zehn Krebsknoten bilden sich in den tief liegenden äußeren Zonen der Lunge. Diese sind mit herkömmlichen bronchoskopischen Techniken nur schwer zu erreichen. Genau hier setzt Ion an: Anhand computertomografischer Röntgenbilder (CT) erstellt das Robotik-System eine Art Straßenkarte der Lunge mit all ihren verzweigten Atemwegen. Wie ein Navigationssystem im Auto kann der Operateur auf dieser Grundlage schließlich einen Katheter zum Ziel steuern. Anschließend können Instrumente in den Katheter eingeführt werden, mit denen der Operateur eine Probe des im CT auffälligen Gewebes entnehmen kann. Die exakte Position wird mithilfe eines hochmodernen Cone-Beam-CT-Scans überprüft. Mit dieser speziellen 3D-Röntgenaufnahme ist eine millimetergenaue Probenentnahme möglich.
„Die Wahrscheinlichkeit, kleinere Rundherde zu erreichen, liegt bei einer konventionellen Bronchoskopie bei 30 Prozent. Mithilfe des robotergestützten Systems erreichen wir Werte von bis zu 95 Prozent. Zudem kommt es hier deutlich seltener zu Komplikationen“, erklärt Professor Dr. Santiago Ewig. Der Chefarzt der Klinik für Pneumologie und Infektiologie freut sich, damit eine Biopsie auf dem neuesten Stand der Technik anbieten zu können, die besonders schonend ist und Betroffenen aufgrund ihrer Genauigkeit zudem engmaschige Kontrollen erspart.
Das robotisch-assistierte System wird im Thoraxzentrum Ruhrgebiet künftig standardmäßig bei Bronchienspiegelungen zum Einsatz kommen. Ihre Zahl – bisher waren es mehr als 3000 jährlich – wird mit dem Start des Lungenkrebsscreenings künftig deutlich steigen. Ab April 2026 haben aktive und ehemalige Raucherinnen und Raucher im Alter von 50 bis 75 Jahren, die mindestens 25 Jahre stark geraucht haben, Anspruch auf eine kostenlose Untersuchung. Das Thoraxzentrum hat eine Kooperation mit den radiologischen Praxen im Ruhrgebiet geschlossen und steht als Spitzenzentrum mit speziell für das Screening ausgebildeten Radiologen, Pneumologen und Thoraxchirurgen zur Expertenbeurteilung bereit, um jeden Patienten mit einem verdächtigen Befund zu untersuchen, zu beraten und gegebenenfalls zu behandeln. Mit dem Screening werden Veränderungen des Lungengewebes so frühzeitig erkannt, dass Lungentumore in frühen Stadien behandelt werden können. Lungenkrebs zählt trotz der Fortschritte in der Therapie zu den tödlichsten Krebserkrankungen, weil er bisher meist erst in weit fortgeschrittenen Stadien festgestellt wurde.
Bestätigt sich der Lungenkrebsverdacht, profitieren Betroffene im Thoraxzentrum Ruhrgebiet bei der Weiterbehandlung von hochmoderner Medizintechnik: Neben der robotergestützten Bronchoskopie mit Ion kommen im OP auch die Roboter-Systeme DaVinci und HUGO zum Einsatz: ein europaweites Alleinstellungsmerkmal in der Thoraxchirurgie. Die Vorteile der fortschrittlichen Medizintechnik liegen für Dr. Erich Hecker, der das Thoraxzentrum als Chefarzt der Klinik für Thoraxchirurgie zusammen mit Prof. Dr. Ewig leitet, auf der Hand: „Schon heute haben wir bei unseren chirurgischen Eingriffen eine Komplikationsrate, die weit unter den Vorgaben der jeweiligen Fachgesellschaften liegt. Mit Einsatz der Robotik streben wir eine Rate möglichst gegen Null an.“ Möglichen Ängsten können die Mediziner entgegenwirken: „Die Robotik spielt zwar eine bedeutende Rolle bei der Patientensicherheit, aber der Operateur bleibt nach wie vor derjenige, der die entsprechenden Aktionen ausführt. Die Roboter-Technik wird immer nur Assistenz sein und nie selbstständig arbeiten“, betonen Prof. Dr. Ewig und Dr. Hecker unisono.
- Das Thoraxzentrum Ruhrgebiet betreut an seinen beiden Standorten in Wanne-Eickel und Bochum jedes Jahr über 14000 ambulante sowie 8500 stationäre Patientinnen und Patienten.
- Anhand computertomografischer Röntgenbilder (CT) erstellt das Robotik-System eine Art Straßenkarte der Lunge mit all ihren verzweigten Atemwegen. Wie ein Navi im Auto kann der Operateur auf dieser Grundlage schließlich einen Katheter zum Ziel steuern.
- Der Bronchoskopieroboter Ion wird über die schlanke Säule gesteuert, die vorn im Bild zu sehen ist. Das Robotik-System ist ein Meilenstein in der Lungenkrebsfrüherkennung. Mithilfe des robotergestützten Systems liegt die Wahrscheinlichkeit, kleinere Rundherde zu erreichen, bei bis zu 95 Prozent.
- Dr. Erich Hecker (links) und Professor Dr. Santiago Ewig am Bronchoskopieroboter Ion. FOTOS: EVK