"Wünschen wir uns eine stärkere Wahrnehmung"

In loser Reihe fragen wir verschiedene Menschen nach ihrer Meinung zu Corona, den Maßnahmen und den Folgen. Zuletzt hat Jan Scholly Stellung genommen. Jan Scholly leitet seit 15 Jahren das Evangelische Kinderheim des Kirchenkreises Herne und ist zudem seit Anfang 2020 als Geschäftsführer tätig. Die Evangelische Kinderheim, Jugendhilfe Herne & Wanne-Eickel gGmbH ist anerkannter Träger der freien Jugendhilfe und als solcher eine Einrichtung für stationäre, ambulante und flexible erzieherische Hilfen für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene unter Einbeziehung ihrer Familien. Wir wollten wissen, wie die Corona-Krise den Alltag im Kinderheim verändert hat.

Unsere Kirche: Herr Scholly können Sie anhand einiger Beispiele beschreiben, wie sich Alltag und Zusammenleben in den Einrichtungen des Kinderheims durch Corona verändert haben?
Jan Scholly: Wir alle im Kinderheim, ob Mitarbeitende oder BewohnerInnen erleben seit einem Jahr Einschränkungen nicht nur im privaten Bereich wie andere auch, sondern auch massiv im beruflichen Kontext. In allen bisherigen Phasen der Pandemie, mit all ihren Unsicherheiten und Ängsten waren unsere Mitarbeitenden gefordert für die uns anvertrauten jungen Menschen und Familien durchgängig und verlässlich da zu sein. Es ist eine immense Herausforderung für alle Mitarbeitende, einerseits einen eigenen Umgang mit der Situation zu finden, und zeitgleich den Bedürfnissen von jungen Menschen gerecht zu werden. Das bildet sich in zahlreichen Situationen des Alltags in unserer Einrichtung ab.

UK: Vorsichtsmaßnahmen wie Besuchseinschränkungen und strenge Hygienevorschriften bestimmen zurzeit den Alltag. Worauf müssen Sie besonders achten? Wie erleben Sie die Einschränkungen?
Scholly: Soziale Kontakte außerhalb unserer Wohngruppen sind für Kinder und Jugendliche von großer Bedeutung, ebenso die so wichtigen Kontakte zur Familie. All das galt es z.B. unter hygienischen Gesichtspunkten weitestgehend aufrecht zu erhalten, wohl in dem Wissen, dass junge Menschen nicht immer mit dem Thema verantwortungsbewusst umgehen können.
Für die Mitarbeitenden bedeutet die Pandemie z.B. den Verzicht auf die sonst wöchentlich stattfindenden Teamsitzungen. Besonders herausfordernd sind Situationen in denen Verdachtsfälle oder Infektionen auftreten. Für diese Zeiträume gelten besondere Anforderungen am Arbeitsplatz und Quarantänevorschriften, die gravierende Einschränkungen auch im Privatleben mit sich bringen. Die Mitarbeitenden sind dann in beiden Lebensbereichen weit über das normale Maß hinaus gefordert. In solchen Situationen trotzdem für seine anvertrauten Mitmenschen da zu sein, ist eine unglaubliche Leistung und verdient wirklich höchste Anerkennung.

UK: Können Sie an einem Beispiel aus Sicht der Kinder und Jugendlichen erläutern, wie sie die letzten Monate erlebt haben?
Scholly: Um vielleicht mal in einem positiven Bild zu verweilen. So wie in anderen Familien auch, haben unsere Kinder und Jugendlichen auch in unseren Wohngruppen die Erfahrung machen können, dass es auch durchaus Spaß machen kann, mehr Zeit miteinander zu verbringen. Weniger Schule bedeutete auch bestimmt später ins Bett zu müssen. Quarantäne bedeutete sicherlich auch mal mehr Fernsehen schauen oder Spielkonsole spielen.
Alles in allem überwiegen aus Sicht der jungen Menschen aber die negativen Auswirkungen, und das meint hier in erste Linie die Einschränkungen im Kontakt mit Freunden oder Familien.

UK: Schulunterricht fand bzw. findet nur im home-schooling statt, jetzt dürfen ja zumindest die Grundschüler wieder im Wechsel in die Schule gehen. Aber auch Freizeit- und Sportangebote am Nachmittag fallen coronabedingt aus. Wie wirken sich Schul- und Vereinsschließungen aus?
Scholly: Wir haben ganz unterschiedliche Erfahrungen gesammelt. Es gibt nicht wenige Kinder und Jugendliche, die aufgrund der Schulsituation (wenig bis kein Präsenzunterricht), deutlich weniger unter Druck stehen, und im Distanzunterricht gute Leistungen erbringen. Anderen wiederum fehlen vor allem die sozialen Kontakte in der Schule. Das home-schooling stellt alle Beteiligten, Mitarbeitende und BewohnerInnen vor große Herausforderungen. Zum einen müssen die technischen Voraussetzungen in den Wohngruppen vorhanden sein, und darüber hinaus müssen Mitarbeitende z.T. für bis zu neun BewohnerInnen vormittags Unterstützung anbieten können.

UK: Corona hat auch neue Impulse und kreative Ideen hervorgerufen. Welches ist für Sie persönlich so ein besonderer, unvergesslicher Moment?
Scholly: Als zum Beginn der Pandemie nicht ganz klar war, ob und in welchem Umfang Mitarbeitende weiter in der ambulanten Familienhilfe eingesetzt werden konnten, rief mich ein Mitarbeiter an, und bot für den Fall an, dass jemand Gehaltseinbußen hinnehmen müsse, dass er Teile seines Gehaltes spenden würde um seinen Teil zur weiter funktionierenden Gemeinschaft beitragen zu wollen. Auch haben sich Freiwillige in der Einrichtung finden lassen, die gleich zu Beginn der Pandemie deutlich gemacht haben, dass sie bei Infektionsgeschehen in den Wohngruppen arbeiten würden, wenn Kollegen die Arbeit nicht leisten könnten. So gab und gibt es in unserer Einrichtung immer wieder Momente, in denen Menschen deutlich machen im Sinne der Gemeinschaft Verantwortung übernehmen zu wollen, und somit einen maßgeblichen Anteil daran haben, dass wir die Herausforderungen annehmen und meistern können.

UK: Was sollte die Gesellschaft aus der Corona-Krise lernen? Gibt es aus Ihrer Sicht etwas, das sich nachhaltig ändern muss?
Scholly: Wir haben in der Gemeinschaft des Kinderheims zahlreiche Situationen durch die Corona- Krise erlebt, die uns eindrücklich vor Augen geführt haben, dass der Einzelne nur bedingt in der Lage ist große Lasten und Verantwortung zu tragen. Sich gemeinsam in der Krise auf die wichtigsten Aufgaben zu konzentrieren, sich bewusst zu machen dass wir für andere Menschen Verantwortung tragen, nicht nur für uns selbst, und dabei weniger mit dem Finger auf andere zu zeigen, waren häufig der Schlüssel zur erfolgreichen Bewältigung von Krisen. Vielleicht gilt ja das, was wir in unseren Einrichtungen erlebt haben, auch als Beispiel für größere Gemeinschaften wie sie unsere Gesellschaft darstellt.
Wir mussten auch feststellen, dass die Arbeit in der Kinder- und Jugendhilfe in der Öffentlichkeit und in der Politik weitaus weniger Beachtung findet im Vergleich zur Altenpflege, den KITAS und den Schulen. Das zeichnet sich z.B. im Umgang mit Impfpriorisierung und Covid Testung aus.
Hier wünschen wir uns natürlich eine stärkere Wahrnehmung in unterschiedlichsten Bereichen der Gesellschaft.

UK sagt „Vielen Dank!“