Konfirmandenunterricht eins zu eins

#Nachgefragt. In loser Reihe fragen wir verschiedene Menschen nach ihrer Meinung zu Corona, den Maßnahmen und den Folgen. Zuletzt hat Jens-Christian Nehme Stellung genommen. Er ist mit einer halben Stelle Pfarrer in der Petrus-Kirchengemeinde Herne. Zusammen mit Katharina Schönweitz, der Leiterin des Kindergartens „Löwenherz“, hauptverantwortlich für die Kinderkathedrale in der Christuskirche an der Wiescherstraße. Wir wollten von ihm wissen, wie sich Corona auf den Alltag eines Gemeindepfarrers auswirkt.

Unsere Kirche: Herr Pfarrer Nehme, normalerweise leben Gemeindearbeit und Gottesdienste von und mit der Gemeinschaft. Eigentlich, denn jetzt mit Corona ist nichts mehr wie gewohnt. Können Sie kurz beschreiben, was ihren Alltag vor Corona ausgemacht hat?
Pfarrer Jens-Christian Nehme: Normalerweise ist mein Beruf als Pfarrer sehr vielseitig: Kindergarten, Kinderkathedrale, Konfirmandenunterricht, Frauenhilfe, Männerverein, Altenheim, Taufen, Beerdigungen, Ausschussarbeit und noch viel mehr. Und ja, ein Großteil der Arbeit lebt von Kontakten und zeichnet sich durch Begegnungen aus. Mein Alltag wurde mit Corona ziemlich durcheinandergebracht.
Im ersten Lockdown letztes Jahr im April ging erstmal zwei Wochen gar nichts. Egal ob Kita, Altenheim oder Gottesdienste – wirklich alles lag brach. Gefühlt fanden nur Beerdigungen statt und auch die in äußerst kleinem Kreis. Für die Kita haben wir zu Ostern einen Film gemacht, das war neu und interessant, aber auch richtig viel Arbeit. Eigentlich war aber erstmal alles neu zu denken. Nichts war wie vorher. Erst mal musste man Ideen finden, damit umzugehen. Für einige Bereiche, wie z.B. Schulgottesdienste, gibt es bis heute keinen Ersatz. Es bedeutet auch viel auszuhalten, wenn man sich und seinen Dienst stets neu sortieren und sich ständig informieren muss, was überhaupt möglich ist. Das war wie den Beruf neu zu lernen.

UK: Momentan gibt es weder Präsenz-Gottesdienste noch Konfirmandenunterricht, zumindest nicht in der Form wie bislang. Wie hat sich Ihr beruflicher Alltag durch Corona verändert – können Sie das anhand einiger Beispiele beschreiben?         
Nehme: In der Kita erzähle ich eigentlich einmal eine Geschichte für alle zurzeit 78 Kinder. Jetzt mache ich das in den getrennten Gruppen Dreimal also dasselbe.  Das kostet Zeit und bedeutet im Umkehrschluss weniger Geschichten. Für den Maxi-Abschied letztes Jahr wurde die Segnung, die unter Corona Bedingungen gruppenintern mit Abstand sowie ohne Eltern stattfand, gefilmt.   
Der Konfirmandenunterricht geht online leidlich gut und ist auf jeden Fall besser als nichts. Auch hier bedeutet die Verlagerung ins Digitale mehr Vorbereitung und Aufwand. Aber ehrlich gesagt, war es für mich nicht das Gelbe vom Ei. Ich habe schnell festgestellt, dass der Online-Kontakt mit den Konfis einfach nicht so wirklich meins ist. Weil jedoch Seelsorgegespräche geführt werden durften, kam mir die Idee, den Konfi-Unterricht eins zu eins wahrzunehmen. Das Ganze natürlich freiwillig. Doch alle Konfis waren und sind dabei. Ich führe also mit allen 35 Konfirmanden jeweils ein 45-minütiges persönliches Gespräch. Dann 15 Minuten Pause, Raum lüften und Raum wechseln. Das dauert ganze drei Wochen bis die Gruppe einmal durch ist. Also ein enormer zeitlicher Aufwand, der sich aber in meinen Augen lohnt. Die Gespräche entwickeln eine ganz andere Tiefe.

UK: Zum Glauben gehört Nächstenliebe, füreinander da sein – wie erleben Sie persönlich die Zeit mit den Kontaktbeschränkungen und Einschränkungen?
Nehme: Ich habe ja das Glück, dass ich noch Kontakte habe. Zwar deutlich weniger, das merke ich natürlich. Aber eben nicht nichts. Damit lässt es sich besser aushalten, als zum Beispiel gar keine Kontakte zu haben. Klar ist, dass Zoom-Sitzungen für mich keine Kontakte ersetzen. Wenn es bestimmt auch zukünftig gut sein wird, sich auch mal digital zu treffen, aber eben eher ergänzend. 
Darüber hinaus empfinde ich diese Zeit oft als anstrengend, da jeder seinen eigenen Weg finden muss. Anstrengend, weil stets auf neue Regeln reagiert werden muss und neue Möglichkeiten gefunden werden müssen.          
Es ist schwierig, sich die Gelassenheit zu bewahren und sich daran zu erinnern, dass Corona von außen kommt, dass es etwas ist, was die ganze Welt betrifft und stillstehen lässt bzw. durcheinanderbringt. Jeder und jede fühlt sich allein. Zum Beispiel wird normalerweise bei der Frauenhilfe nebenbei über Termine gesprochen. Man erzählt sich, was so los ist und wie es geht. Das fehlt. Vor allem aber fehlt mir der Gottesdienst als gemeinsames Ziel, sich in der Gemeinschaft Gott zu nähern.      

UK: Gemeinde bildet eine Brücke zur Gesellschaft – Corona hat auch neue Impulse hervorgerufen. Auch Sie haben mit kreativen Ideen auf die Maßnahmen reagiert. Welches ist für Sie persönlich so ein besonderer, unvergesslicher Moment?
Nehme: Es ist jetzt nicht konkret der eine bestimmte Moment. Auf jeden Fall aber ist es die Erfahrung aus den ein zu eins Gesprächen mit den Konfirmanden. Also Konfirmandenunterricht in der Gruppe ist super, doch ich möchte mir weiterhin die Zeit nehmen und diese persönlichen Gespräche beibehalten. Vielleicht so zweimal im Jahr. Ebenfalls waren positiv war die Vielzahl der Resonanzen und ausführlichen Antworten auf meine sieben bis neun Seiten langen Briefe, die ich den Frauenhilfsmitgliedern so einmal im Viertel Jahr geschrieben hatte.

UK: Was sollte die Gesellschaft aus der Corona-Krise lernen? Gibt es aus Ihrer Sicht etwas, das sich nachhaltig ändern muss?      
Nehme: Da fällt mir direkt der Satz ein: Geduld tut Euch Not! Corona zeigt so manche Grenze im System auf. Egal ob Krankenhäuser, Altenheime oder Schulen, die Grenzen waren doch bereits überschritten. Nur Corona hat es nochmal deutlicher gemacht, wo es brennt. Gesellschaftlich betrachtet dient Corona als Spiegel. Eigentlich sind es bekannte Sachen, über die wir reden müssen. Mehr Personal, kleinere Klassen, keine prekären Arbeitsverhältnisse, die Schere zwischen Arm und Reich mehr schließen… Das ist nicht wirklich neu. Wir haben Ziele und die kosten etwas: Bereitschaft und/ oder Geld. Die Frage dabei ist: Wie weit ist jeder einzelne bereit zu geben? Wie weit bin ICH bereit dafür zu geben? 
Mehr Bereitschaft dazu fände ich schon gut. Und weil das sicher nicht so schnell gehen kann, hätte ich gerne mehr Geduld und einen langen Atem.

UK sagt „Vielen Dank!“