(K)Eine Frau aus der Steinzeit

#Nachgefragt. Am 1. Mai waren es genau 30 Jahre, dass Livia Leichner im Familienzentrum Dreifaltigkeit der Petrus-Kirchengemeinde Herne arbeitet – zunächst neun Jahre als Erzieherin, seit 2000 als Leiterin der Einrichtung. Ausgiebig gefeiert werden konnte das Jubiläum nicht – es gab ein Corona-konformes Frühstück mit den Erzieherinnen, Besuch und Geschenk von Elisabeth Weyen aus der Geschäftsführung der Kindergarten-Gemeinschaft im Kirchenkreis Herne – und ein Interview mit UNSERE KIRCHE:

UNSERE KIRCHE: Frau Leichner, 30 Jahre Arbeit im Kindergarten: Was hat sich geändert in dieser Zeit? Was unterscheidet Dreijährige 1991 von denen 2021?
Leichner: Angefangen habe ich in einem Kindergarten mit einem Team von sechs Erzieherinnen und der Betreuungszeit von 8 bis 12 und von 14 bis 16 Uhr. Betreut wurden in drei Gruppen 75 Kinder im Alter von 4 bis 6 Jahren – Grundvoraussetzung: die Kinder sind trocken.
Dann wurden wir Tageseinrichtung für Kinder. Nicht nur der Name änderte sich, sondern auch das Konzept. Ein Teil der Kinder durfte über Mittag in der Einrichtung bleiben, mit selbstmitgebrachtem Essen selbstverständlich.
Und seit 2006 sind wir das erste Evangelische Familienzentrum in Herne – Betreuung und Bildung von 7 bis 16.30 bzw. 17 Uhr, mit Mittagsverpflegung und einem anderen Blick auf die Familien.
Heute sind wir ein Team von 16 Personen, bilden und betreuen 90 Kinder in fünf Gruppen im Alter von 0 bis 6 Jahren.
Die Dreijährigen kenne ich zum Teil schon seit dem Babyalter – das ist ein Unterschied. Ein anderer: Die Dreijährigen von heute können selten noch „aus sich heraus“ spielen, sondern benötigen viel Input von den Pädagoginnen und Pädagogen. Sie wollen „bespaßt“ werden. Und die Dreijährigen stehen schon sehr unter Druck und müssen funktionieren: Früh aufstehen, pünktlich um 7 Uhr in der Tageseinrichtung sein, weil die Eltern zur Arbeit müssen, sie sollen nicht quengeln, sind nachmittags in Vereinen verplant...

UK: Können Sie noch durch die Stadt gehen, ohne Schwätzchen mit ehemaligen Kindern?
Leichner: Selbstverständlich (lacht). Obwohl mich natürlich viele Leute kennen. Und wenn nicht mich, dann kennen sie Erich (Livia Leichner ist mit dem ehemaligen Herner Bürgermeister Erich Leichner verheiratet) und schon ist man wieder im Gespräch.

UK: „Kindermund tut Wahrheit kund“ – gibt es Sprüche, die Sie nie vergessen?
Leichner: An meinem 40. Geburtstag hatte meine Kollegin Iris Dickamp mir einen Kuchen gebacken und ihn mit 40 Kerzen dekoriert. „Sooo viele?“, staunte ein Kind. Wie lange es denn her wäre, dass ich geboren bin. 40 Jahre. „Boah, gab es da noch Dinosaurier?“ (Nicht ganz...waren kurz vorher ausgestorben.)

UK: Gibt es ein Ereignis, das Sie in besonderer Weise berührt hat?
Leichner: Wieviel Zeit haben wir? Ich bin ein emotionaler Mensch, von daher gibt es sehr viele Ereignisse, die mich berührt haben.
Jedes Jahr, wenn die Kinder zur Schule kommen, fließen Tränen bei mir. Es sind „meine“ Kinder, die nun gehen, denen ich Lehrpersonal wünsche, das auf die Stärken der Kinder guckt und nicht nur Wissensvermittlung im Sinn hat.
Aber auch der Moment, als wir ein Kind mit Fieberkrampf hatten, das wir beatmen mussten bis der Notarzt kam. Als der dann nach endlos scheinenden Minuten sagte: „Alles ok, alles richtig gemacht“ – den Moment vergisst man nicht.
Und dann sind da die kleinen Momente, etwa wenn ein ganz schüchternes Kind kommt und ganz leise und vorsichtig seine kleine Hand in meine legt – das ist es, warum ich Erzieherin geworden bin.

UK: Ganz ohne Corona geht es auch in diesem Interview nicht: Gibt es aus Ihrer Sicht etwas, das wir als Gesellschaft aus der Corona-Krise lernen müssen, das sich nachhaltig ändern muss?
Leichner: Meines Erachtens müssen wir lernen, dass wir nur gemeinsam etwas schaffen und bewirken können. Nur mit Solidarität bewältigen wir diese oder auch andere Krisen. Der oftmals so propagierte und gelebte Egoismus bringt den Einzelnen nur scheinbar und nur kurzfristig weiter.

UK: Zuletzt: Haben Sie einen Wunsch für die letzten Berufsjahre?
Leichner: Ich würde mir wünschen, dass sich das Berufsbild der Erzieherin ändert. Dass es mehr Wertschätzung erhält, einen anderen Status, eine andere Bezahlung. Dass Erzieherin ein Beruf wird, der ein Hochschulstudium benötigt. Dass Erzieherinnen, dass die Bildung in den Tageseinrichtungen in den Fokus der Politik rutscht und nicht nur am Rande wahrgenommen wird.

UK sagt „Vielen Dank!“