"Doch auf direkte Begegnungen können wir nicht verzichten."

HERNE – In loser Reihe fragen wir verschiedene Menschen nach ihrer Meinung zu Corona, den Maßnahmen und den Folgen. Zuletzt hat Katharina Henke Stellung genommen. Katharina Henke ist Synodalbeauftragte für den Dialog mit dem Islam sowie Supervisorin in der Evangelischen Kirche von Westfalen und seit 1990 als Pfarrerin in der Krankenhausseelsorge am Evangelischen Krankenhaus Herne tätig. KrankenhausseelsorgerInnen sind Begleiter in der Lebens- und Arbeitswelt Krankenhaus. In Zusammenhang mit der Corona-Pandemie stellen sich hier besondere Herausforderungen. Wir wollten von ihr wissen, wie sich die Corona-Krise aus dem Blick einer Seelsorgerin im Klinikalltag auswirkt.
 

Unsere Kirche: Frau Henke, können Sie kurz beschreiben, was Ihre Schwerpunkte in der Arbeit als Krankenhauseelsorgerin sind und wie sie sich durch Corona verändert haben?
Henke
: Als Seelsorgerin will ich Menschen in ihrer besonderen Lebenssituation wahrnehmen, annehmen und hilfreich begleiten. Ich nehme mir Zeit, für Begegnung, und Austausch. Für das Sortieren von Gedanken und Gefühlen, auch für Gebet und Segen. In Arbeitskreisen, wie dem Ethikkomitee, bringe ich Anliegen voran. Im Krankenhaus beobachte ich, wie anstrengend die Auswirkungen der Pandemie für Mitarbeitende sind – nicht nur auf der Intensivstation! Die Krankenpflege und -versorgung funktioniert nicht im Home-Office. Die Arbeit im vertrauten Team, bewährte Einteilungen und Abläufe… alles ist auseinandergerissen. So gilt meine Aufmerksamkeit jetzt verstärkt der Mitarbeiter-Seelsorge. Ich leite eine große Gruppe Ehrenamtlicher, die sich in Besuchsdienst/ Bücherei/ Gottesdienst einbringen und fördere ihren Austausch. Durch Corona fallen diese Dienste weg. Ich versuche hier mit Rundbriefen den Kontakt untereinander zu fördern.
 

U.K.: Sie begleiten Schicksale, Menschen, die alleine sind oder Ängste haben. Jetzt gibt es aber Besuchsverbote, Hygienevorschriften und Corona-Auflagen. Können Sie beschreiben, wie sich der Kontakt mit den Patienten und ihren Angehörigen derzeit gestalten lässt?
Henke: Auch mit meiner 7 Tage Woche kann ich fehlende Besucher nicht ersetzen. Doch ich gehe nach wie vor zu Patienten ins Zimmer. Angehörige rufen mich an, bitten mich, nach ihrem kranken Vater zu sehen, ihm ein Telefon ans Ohr zu halten, Briefe vorzulesen...
Die Ehrenamtlichen bieten zur Zeit Patienten Telefon-Besuche an.


U.K.: Haben sich die Sorgen der Patienten und der Mitarbeitenden im Krankenhaus mit Corona verändert?
Henke
: Die Patienten erleben die Ruhe im Zimmer auch als wohltuend (im Mehrbettzimmer kann Besuch sehr anstrengend sein). Die Mitarbeitenden haben selbst Angst vor einer Infektion und Sorgen um eigene Angehörige. Schon vor Corona hatten wir in Deutschland einen Pflegemangel – nun kommt der hohe Krankenstand hinzu. Das alles belastet die Mitarbeitenden enorm. Mich beeindruckt, was sie dennoch leisten.


U.K.: Corona hat auch neue Impulse und kreative Ideen hervorgerufen. Es gab Balkonsingen oder Fensterkonzerte. Welches ist für Sie persönlich so ein besonderer, unvergesslicher Moment? 
Henke: Mit einem Lebendigen Adventskalender habe ich alle Bereiche des Krankenhauses besucht. Mit Kerze, Geschichte, Gebet und Segen im Pausenraum der Handwerker zu stehen - auf der Intensivstation oder im Lagerraum der Apotheke... Das waren besondere Begegnungen.


U.K.: Was sollte die Gesellschaft aus der Corona-Krise lernen? Gibt es aus Ihrer Sicht etwas, das sich nachhaltig ändern muss?
Henke:
Große Themen wie eine Pandemie oder der Klimawandel fordern uns alle heraus. Ohne die Bereitschaft, Einschränkungen zu akzeptieren, Solidarität zu üben und tatkräftiges Engagement werden wir scheitern. Wir haben jetzt vieles neu entdeckt – als Kirche und als Einzelne: Spaziergänge und Radtouren statt Flugreisen… Lust bei kreativen Aktionen, Online-Angebote... Manches davon wird hoffentlich bleiben.


UK sagt „Vielen Dank!“