„Schmutzige Geschäfte mit dem Klimaschutz“

Herne. Die Fachstelle Eine Welt des Kirchenkreises Herne hatte anlässlich des Tags der Menschenrechte zu einem Film- und Vortragsabend in die Volkshochschule Herne eingeladen. Wobei Eine-Welt-Promotor Markus Heißler in seiner Begrüßung darauf aufmerksam gemacht hat, dass eigentlich jeder Tag, ein Tag der Menschenrechte sein sollte.

Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand das Thema „Schmutzige Geschäfte mit dem Klimaschutz in Deutschland und Brasilien“. Dieses Thema greift der aktuelle Spielfilm „Verschollen“ auf, der in Auszügen gezeigt wurde. Im Mittelpunkt steht ein Vater (Axel Milberg) den ein mysteriöser Hilferuf aus Brasilien erreicht. Er stammt von seinem Sohn Jan, der als Umweltwissenschaftler in den brasilianischen Wäldern für ein Klimaschutzprojekt arbeitet. Weil er von Deutschland aus nichts erreicht, reist der besorgte Vater nach Brasilien, um seinen Sohn zu suchen. Bei seinen Recherchen lernt Klemens auch die Leidtragenden des Projekts kennen. Er stößt auf Korruption und Gewalt in den angeblich so vorbildlichen Nachhaltigkeitsprojekten.

Der Film fußt auf der Recherche von Autor und Regisseur Daniel Harrich vor Ort. Mit Steuermilliarden sollen in Brasilien Wälder „aufgeforstet“ werden, die CO2 binden sollen. So soll der CO2-Ausstoß europäischer Unternehmen kompensiert werden. Doch die Recherchen zeigen: Die Natur wird nicht aufgeforstet, sondern zerstört zugunsten von riesigen Eukalyptus-Plantagen. Diese werden als Holzkohle für die „grüne“ Stahlherstellung eingesetzt, der auch in Deutschland weiterverarbeitet wird.

Für die Monokulturen werden Gemeinden vertrieben und Menschenrechte verletzt. Das Ganze spielt sich ab in einer der ärmsten Regionen Brasiliens, dem Cerrado im Bundesstaat Minas Gerais. Die im Film beschriebenen Zustände konnte Dr. Dieter Gawora, der an der Universität Kassel fast 40 Jahre zu und in Brasilien geforscht hat, zur Gänze bestätigen. Dennoch konnte er auch über Hoffnungsschimmer berichten. „Immer mehr traditionelle Gemeinschaften fangen an sich zu organisieren und für Ihre in der brasilianischen Verfassung festgelegten Rechte zu kämpfen“, berichtete er. „In Brasilien schützt der Staat diese Rechte allerdings nicht von sich aus, sie können nur durch Konfliktaustragung vor Gericht durchgesetzt werden.“

Im Anschluss informierte Horst Lautenschläger, Experte für internationale Lieferketten und aktives Mitglied bei Amnesty International, über die aktuelle Situation in Deutschland, um gegen solche Menschenrechtsverletzungen vorzugehen. Eigentlich sollte das deutsche bzw. europäische Lieferkettengesetz hier ein wirksames Instrument sein. Tatsächlich wird sowohl in Deutschland als auch auf EU-Ebene das Gesetz, das als Meilenstein für den Schutz von Menschenrechten, Umwelt und Klima geplant war, in wesentlichen Elementen entkernt, bevor es überhaupt umgesetzt werden konnte. Er forderte daher einen Neustart für das Gesetz im Rahmen der Zollgesetzgebung und berichtete zudem über die eingereichte Beschwerde im Rahmen des noch bestehenden Lieferkettengesetzes gegen einen deutschen Stahlkonzern, der in die Vorgänge in Brasilien verstrickt ist. Dieter Gawora machte den Vorschlag, dass Eukalyptusplantagen in Brasilien nicht mehr als nachhaltige Waldwirtschaft zertifiziert werden sollten.

Zum Abschluss gab es eine angeregte Diskussion inwieweit „nachhaltige“ Konzepte bei uns, wie z.B. E-Mobilität oder „grüner“ Stahl, zu Raubbau und Menschrechtsverletzungen im Globalen Süden führen können. Die Veranstaltung fand in Kooperation mit Amnesty International Bochum, der VHS Herne, dem Forum für Umwelt und gerechte Entwicklung Hamm und dem Deutsch-Brasilien-Länderkreis der Auslandsgesellschaft Dortmund statt. PP

 

Ein Holzkohlenmeiler im Cerrado/ Brasilien FOTO: DIETER GAWORA

Von links: Markus Heißler, Dr. Dieter Gawora und Horst Lautenschläger informierten in der VHS Herne über Menschenrechtsverletzungen in Brasilien (FEW). FOTO: VHS