Herne. Der Historiker und Namibianist Dr. Andreas Eckl aus Bochum hat am 19. März in der Volkshochschule Herne anhand der Selbstzeugnisse zweier deutscher Soldaten die grausame Kriegsführung gegen das Volk der Hereros in Namibia dargestellt. Leutnant Georg Gräff (1875-1914) und sein Bruder Leo Gräff (1869-1914) waren Söhne des Generaldirektors der Bergwerksgesellschaft Hibernia, der der Gräffstraße in Herne den Namen gegeben hat. Die Tagebuchaufzeichnungen des ersteren vom 17. Januar bis zum 9. April 1905 werfen ein erschreckendes Bild auf die Dynamik eines Kriegsgeschehens, dessen Gewalt durch keinerlei Regeln eingehegt wurde, weil die Haager Landkriegsordnung nicht galt. Georg Gräff berichtet von Überfällen auf Wohnstätten und Lager der Hereros, bei denen zahlreiche Frauen, Männer und Kinder immer wieder mit Überraschungseffekt niedergemetzelt wurden.
„Aus unseren Händen kommt kein Herero lebend!“ lautete die Parole. Georg Gräff schreibt zum Weihnachtsfest 1904 von dem doppelt erhebenden Gefühl, Weihnachts- und Soldatenlieder zusammen zu singen. Anschließend wurde die Menschenjagd fortgesetzt: Anschleichen, niederschießen, „mit Hurra auf den Gegner“ (Leo Gräff). Die Anleihen aus der Jagdmetaphorik („Aufscheuchen und jagen“) sowie die Lust an der Leichenverbrennung legen tiefsitzende rassistische Einstellungen gegenüber der einheimischen Bevölkerung offen. Den Soldaten wurde freie Hand gelassen, woran auch ein späterer Gnadenerlass des Kaisers wenig änderte. Bei der sich anschließenden Diskussion betonte Dr. Eckl, dass für eine historische Aufarbeitung des damaligen Geschehens die Perspektive der afrikanischen Hereros fehle. Darum seien auch Kriegsursachen nicht zu eruieren.