Beim Thema Gefängnis denken die meisten an hohe Mauern oder gut verschlossene Zellen. Wie es den Gefangenen hinter den Mauern geht, wissen dagegen nur wenige. Dr. Rolf Stieber hat über die Lebenswirklichkeit im Knast und die Lebensgeschichten der Männer, die dort ihre langjährigen Strafen verbüßen, einen Eindruck vermittelt. Der Pfarrer war rund 25 Jahre als Seelsorger in der Justizvollzugsanstalt Werl, einem der größten Gefängnisse Deutschlands, in dem rund 1000 Männer auf engem Raum zusammenleben, tätig.
In der Reihe „Gott und die Welt“ hat Rolf Stieber am 18. Juni aus seinem Buch „Lebenslänglich. Begegnungen auf Seelenhöhe“. Hier erzählt er anschaulich von dem Leben hinter Gittern und den Seelsorgegesprächen mit den Gefangenen. Dabei reflektierte er seine Aufgabe und seine besondere Rolle. Wie ist es als Mann der Kirche im Knast unterwegs zu sein? Wie wird man wahrgenommen? Wie kommt man in Kontakt mit den Gefangenen? Wie kann man Menschen Hoffnung bringen, die eine lebenslange Haftstrafe abzusitzen haben?
Die Schuld der Insassen hat Rolf Stieber weder beschönigt noch entschuldigt. Aber: „Wir alle leben nicht so, wie Gott es für uns vorgesehen hat.“ Absolute Verschwiegenheit und Vertrauen seien die wichtigsten Voraussetzungen für Seelsorge im Gefängnis. Als Grundhaltung ist ihm eine Erkenntnis wichtig geworden: „Seelsorge schafft einen freien Raum – innerhalb der Mauern.“ Hier komme man nicht im Namen des Volkes oder im Namen der Justiz, „sondern im Namen Gottes, der jedem Menschen eine unverlierbare Würde zuspricht.“
Vorsichtig erkundet Stieber die zerstörerischen Kräfte, die in Gefangenen toben, an ihnen ziehen – durch Sucht, traumatische Erfahrungen, Verluste, Scham oder Schuld. In der Begegnung öffnet er Trauerräume und ermöglicht ihnen eine neue Sicht auf ihr Leben – als Geschöpf Gottes. Am Ende waren alle Bücher signiert und vergriffen. „Es war ein ergreifender Abend – packend – berührend“, sagte Pfarrerin i.R. Katharina Henke, die den Abend zusammen mit Markus Heißler von der Fachstelle Eine Welt des Kirchenkreises Herne vorbereitet hatte. „Ein Dank gilt auch unserem Kreiskantor Wolfgang Flunkert, der mit seiner Musik zwischen den bewegenden Geschichten Nachsinnen und Aufatmen ermöglichte.“ KH