Herne. Die Gedenkfeier der Stadt Herne zum 81. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz ist am 27. Januar mit einer Schweigeminute zu Ende gegangen. Zuvor hatte Stadthistoriker Ralf Piorr durch ein Programm Kulturzentrum geführt und das Projekts „Stolpersteine“ vorgestellt.
Im Mittelpunkt der Veranstaltung standen die Berichte von Historikern und Angehörigen der Menschen, deren Namen auf den Stolpersteinen zu lesen sind, die in diesem Jahr verlegt wurden und werden. Als erste standen Diane Mossenson und ihre Tochter auf der Bühne – Tochter und Enkeltochter von Jeanette Hecht, die das Grauen überlebte. Als sie zwölf Jahre alt war und nicht mehr zur Schule gehen durfte, meldete sie sich freiwillig zur Arbeit in der Krupp-Fabrik, um sich nützlich zu machen und damit ihre Überlebenschance zu erhöhen. „Heute vor genau 84 Jahren wurden meine Mutter und meine Großmutter zusammen mit vielen anderen zunächst nach Dortmund und dann nach Riga deportiert“, so Dianne Mossenson, wobei sie mit den Tränen kämpfte. Fünf Tage habe die Reise gedauert – bei Eiseskälte ohne Heizung, Essen und Trinken. Auf die Frage, mit welchem Wort sie ihre Kindheit zusammenfassen würde, habe Jeanette „Einsam“ gesagt.
„Wie wird Hass zur Normalität?“ Diese Frage stellte Diane Mossenson in den Raum, der gut gefüllt war – unter anderem von vielen mit Schülerinnen und Schülern – und in dem die Stille greifbar war. „Es beginnt nicht mit dem Völkermord“, sagte sie. „Es begann in Kindheiten wie der von Jeanette, in denen Ausgrenzung alltäglich war und Grausamkeiten hingenommen wurden; es begann mit Schweigen, mit kleinen Veränderungen im Verhalten der Mitmenschen – mit Gedanken und Worten, Schritt für Schritt, bis der Völkermord beginnt.“
Neben der Geschichte der Familie Hecht wurde die von August und Wilhelmine „Mimmi“ Schuster, die als KPD-Mitglieder aus politischen Gründen im Konzentrationslagern ermordet wurden, und deren Enkeltochter anwesend war. Oder die von Helene und Friedrich Gotthold, die als Zeugen Jehovas den Hitlergruß verweigert und Flugblätter verteilt hatten. Helene Gotthold wurde zusammen mit Glaubensgenossen wegen „Wehrkraftzersetzung“ enthauptet, ihr Körper den Löwen im Berliner Zoo vorgeworfen. Ihr Mann, der in einem Brief vergeblich darum nachgesucht hatte, dass das Todesurteil an ihm anstelle seiner Frau vollstreckt würde, überlebte die Haft. Zuletzt stand die Urenkelin von Emma Schlewitz zusammen mit ihrer Mutter und ihrer Tante auf der Bühne und erzählte von Emma Schlewitz, deren Leben als unwert erachtet wurde, weswegen sie im Euthanasieprogramm getötet wurde. Dieses Trauma ziehe sich bis heute durch die Familie.
Oberbürgermeister Dr. Frank Dudda betonte seine Freude über die vielen Hernerinnen und Herner, die der Gedenkveranstaltung beigewohnt haben, die mit ihrem Kommen eine klare Haltung gezeigt und ein wichtiges Signal gesetzt hätten. Und er betonte die wichtige Bedeutung des Stolpersteine-Projekts in Herne: „Auf den Stolpersteinen stehen Namen, hinter denen Menschen mit Hoffnungen und Lebensträume stehen, denen alles genommen wurde“, sagte er. „Sie wohnten in der Düngelstraße, in der Bahnhofstraße, in der Bruchstraße – mitten unter uns. Es waren keine Fremden, es waren Nachbarn und Freunde.“
Nach der Gedenkfeier im Kulturzentrum ging es weiter vor der Shoah-Gedenkstätte mit Vertreterinnen und Vertreter von Judentum, Christentum und Islam – Rabbi Andrés Bruckner für die Jüdische Gemeinde Bochum-Herne-Hattingen, Pfarrer Dr. Niels Petrat für die Katholische Kirche in Herne, Superintendentin Claudia Reifenberger für die Evangelische Kirche in Herne und Hanefi Dursun von der Türkisch-Islamischen Gemeinde zu Herne, die Gebete sprachen. AR
Oberbürgermeister Dr. Frank Dudda freute sich über die Umsetzung des Projekts „Stolpersteine“ in Herne.
Diane Mossenson und ihre Tochter erzählten die Geschichte ihrer Mutter bzw. Großmutter Jeanette Hecht.
Vor der Herner Shoah-Gedenkstätte sprachen Vertreterinnen und Vertreter von Judentum, Christentum und Islam Gebete.
Von links: Rabbi Andrés Bruckner, Pfarrer Dr. Niels Petrat, Hanefi Dursun, Superintendentin Claudia Reifenberger und OB Dr. Frank Dudda. FOTOS: ARND RÖBBELEN