Ein Wort zum Sonntag

VERGEBUNG?

Nun stand er vor Gericht. Der junge Mann, der so gerne angab mit seinem tollen Wagen und den vielen PS. Etwas Schreckliches war passiert. Er hatte den kleinen Jungen zu spät gesehen. Der jüngste Sohn der Familie hatte es nicht überlebt.

Nun stand er also vor Gericht. Er wagte es kaum, die Eltern dieses Jungen anzusehen.

Später im Gefängnis, da fasste er sich ein Herz. Er schrieb den Eltern einen Brief. „Ist es Ihnen möglich, trotz allem, was ich Ihnen angetan habe, mich einmal zu besuchen?“ Ja, sie kamen. Als sie Platz genommen hatten, redete er sich alles von der Seele. Wie er nicht damit fertig werden  könne, was er ihnen angetan hatte. Was für ein Angeber er immer gewesen sei. Am Ende: Ob es eine Aussicht für ihn gäbe, dass sie ihm eines Tages vielleicht vergeben könnten?

„Nicht eines Tages“ sagten sie, „sondern jetzt.“

Es gibt Erfahrungen, da wird unser Herz still. Da fragen wir uns: Könntest du das auch? Dann ist entscheidend, dass wir uns nach der Kraft eines neuen Lebens ausstrecken, in dem Berge abgetragen werden: Berge von Hass, von Wut und Vergeltungssucht, Berge von stiller Verzweiflung, Berge von Schuld. Dazu braucht Gott seine Leute auf dieser Erde. Einer, eine davon sind Sie und ich.

Ja, das Gebet ist dazu nötig. Die Klärung der Welt unserer Gefühle vor Gott. Die Quelle des Kraftempfangs im Angesicht der ganz realen Nöte.

„Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Das ist keine Bitte fürs schöne Poesiealbum zur Herstellung einer vorübergehenden Idylle. Das hat Jesus unter Kreuzesqualen gebetet.

Eine Bitte: Wenn einmal die Mächte von Wut, Hass und unaufhörlichen Vorwürfen Ihr Herz beherrschen, dann sprechen Sie nicht nur mit Menschen, die Ihnen immerzu Recht geben. Sondern besonders mit denen, die ein wenig mithelfen, mit einem befreiten Herzen zu leben, das vergeben kann. Am Ende mit dem, der am Kreuz für alle eingetreten ist. Das tut er auch heute. Auch jetzt. Für Sie und für mich. Und für die, die an uns schuldig geworden sind.

Pfarrer i.R. Gerd Schilling