"Pflege kennt keinen Mindestabstand."

HERNE – In loser Reihe fragen wir verschiedene Menschen nach ihrer Meinung zu Corona, den Maßnahmen und den Folgen. Zuletzt hat Margret Springkämper Stellung genommen. Die Diakonin und Sozialmanagerin Margret Springkämper ist seit 2007 Heimleiterin im Eva-von-Tiele-Winckler-Haus in Herne, wo mehr als 100 Bewohnerinnen und Bewohner ihr Zuhause haben. In Altenheimen stellen sich ihnen ebenso wie den Mitarbeitenden in Zusammenhang mit der Corona-Pandemie täglich besondere Herausforderungen. Wir wollten von Margret Springkämper wissen, wie sich die Corona-Krise auf das Leben von Menschen, die im Altenheim leben und arbeiten, auswirkt.

Unsere Kirche: Frau Springkämper, was zeichnete den Alltag und das Zusammenleben im Altenheim für die Bewohner vor Corona aus?
Springkämper: In unserer Pflegeeinrichtung wohnen bei Vollbelegung 103 Menschen mit unterschiedlichem Pflegebedarf. Vor Corona gab es viele Gemeinschaftsangebote zur Freizeitgestaltung: Gottesdienste, Feiern, gemeinsames Singen, Sport, Musikveranstaltungen und – unbeschwerte Nähe. Die Tür war tagsüber für jeden offen, Pfortendienste und Besucherregistrierung waren nicht notwendig.
 

UK:  Können Sie an einem Beispiel erläutern, wie sich das Leben im Altersheim in der Corona-Zeit verändert hat?
Springkämper:  Wie lange haben wir Zeit? Nun, im Ernst: fast alles hat sich verändert. Zu Beginn der Pandemie mussten wir erhebliche Einschränkungen bis hin zu Besuchsverboten umsetzen, unsere offene Tür war plötzlich geschlossen, Gemeinschaftsaktionen mussten unterbleiben. Für alle im Haus Beschäftigten ist der Berufsalltag sehr anstrengend. Pflege kennt keinen Mindestabstand. Die Sorge, unbewusst Bewohner und/ oder Kollegen zu infizieren, wog genau so schwer wie die vielen Verordnungen im Zusammenhang mit Corona, die oft sehr zeitnah umgesetzt werden mussten und müssen.
 

UK: Jetzt gibt es Besuchseinschränkungen (und -verbote), Hygienevorschriften, Pflichttestungen und weitere Corona-Auflagen. Können Sie kurz beschreiben, wie sich die Maßnahmen zum Infektionsschutz auf das Leben der Bewohner, die häufig zur Risikogruppe gehören, auswirken und wie lassen sich Besuche von Angehörigen derzeit gestalten?
Springkämper: Da möchte ich zunächst mal diese Einschätzung entkräften: Besuchsverbote bestanden zu Beginn der Pandemie bzw. bei bestätigten Infektionen. Und auch in dieser Zeit waren Besuche für Menschen, die palliativ versorgt wurden oder im Sterben lagen, immer möglich. Wir haben versucht, Alternativen für alle Bewohnerinnen und Bewohner zu schaffen, wie Videotelefonie oder Besuche am Fenster, sodass der Mindestabstand eingehalten werden konnte. Die Besuchsregeln wurden dann ab Mai wieder gelockert und das ist gut so. Bewohner*innen in Heimen können laut Verordnung schon seit Juli 2020  zwei mal zwei Besucher täglich empfangen, das sind mehr Kontakte, als allen anderen Personen zur Zeit empfohlen wird. Und auch zu Zeiten der erheblichen Einschränkungen waren Bewohner*innen nicht vereinsamt, denn neben dem, was ich gerade beschrieben hatte, waren natürlich unsere Mitarbeitenden vor Ort und haben alles getan, um die Situation erträglich zu machen. Der Kontakt zu Familienangehörigen war damit natürlich trotzdem nicht aufzuwiegen. Grundsätzlich geändert hat sich, dass jeder Besuch registriert werden muss. Seit Dezember muss sich darüber hinaus jeder Besucher einem Schnelltest unterziehen.
Also zusammengefasst: Vieles ist möglich, doch alles unterliegt strengen Regeln und ist nur mit hohem personellen Einsatz zu bewältigen.
 

UK: Corona hat auch neue Impulse und kreative Ideen hervorgerufen. Es gab Balkonsingen oder Fensterkonzerte. Welches ist für Sie persönlich so ein besonderer, unvergesslicher Moment?
Springkämper: Es gibt viele dieser Momente: Rührend war das erste Fensterkonzert am Ostersamstag von Wolfgang Flunkert und Marlene Budde bei strahlendem Sonnenschein. Später folgten wöchentliche Gartenkonzerte mit viel Abstand. Wolfgang Flunkert am Piano und Susanne Baumgart mit Querflöte haben jeden Gassenhauer gespielt, der gewünscht wurde.
Und ganz generell: Wir haben fantastische Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die jetzt schon seit elf Monaten unter erhöhten Belastungen arbeiten müssen und super zusammenhalten. Das ist und war ein großer Segen!
 

UK: Was sollte die Gesellschaft aus der Corona-Krise lernen? Gibt es aus Ihrer Sicht etwas, das sich nachhaltig ändern muss?
Springkämper: Wahrscheinlich werden wir lernen müssen, damit zu leben, denn es wird uns noch lange begleiten. Die Diskussion um die Impfstrategie beispielsweise finde ich bisweilen unfair. Wahrscheinlich wurden Fehler gemacht, doch wer macht die nicht?  Viele haben so eine Mecker- und Anspruchshaltungskultur entwickelt. Man könnte sich doch auch einfach mal freuen, dass schon ein Impfstoff entwickelt wurde und verfügbar ist. Ich würde uns wünschen, dass wir trotz allem optimistischer sind.

UK sagt „Vielen Dank!“