Die Kokslieferung kam mit dem Pferdewagen
CASTROP-RAUXEL – Kriegsschäden, Baustellen, rauchende Schlote, Straßenbahnen, Pferdewagen, jede Menge Radfahrer, viele Fußgänger und Pferde als Zugtiere, die die Kokswagen durch die Straßen zogen – so präsentierten sich die Städte im Ruhrgebiet in den 1950er und 1960er Jahren. Dass es in Castrop-Rauxel nicht anders war, zeigen Bilder des Fotografen Klaus-Michael Lehmann, die zurzeit im Foyer der Schweriner Johanneskirche zu sehen sind. Für Lehmann selbst war die Zusammenstellung der Serie eine Reise in die Vergangenheit. „Mit einem solchen Zug bin ich selbst vor über 50 Jahren hierhergekommen“, sagte er am Eröffnungstag der Ausstellung mit Blick auf ein Bild mit einem ankommenden Zug aus der „Ostzone“ am Bahnhof Castrop.
Die Zuwanderung der Menschen ins Ruhrgebiet, wo die Montanindustrie in jener Zeit Arbeitsplätze versprach, ließ die Bevölkerungszahl ebenso wachsen wie die Zahl der evangelischen Christen. Es entstanden neue Gemeinden, unter anderem in Rauxel und auf Schwerin. So mussten nicht nur Wohnhäuser, sondern auch Kirchen neu gebaut werden. Auf dem Schweriner Berg zeugt die Johanneskirche (1960), in Rauxel die Pauluskirche (1963) und in Wanne-West die Auferstehungskirche (1964) von dieser Epoche. Von außen wirken sie eher schlicht und wenig schmuckvoll, dennoch transportieren sie eine Botschaft. "Es sind keine großen Hallenkirchen, die mit riesigen Gewölben einen Kontakt zum Himmel symbolisieren, sondern haben die Form eines Zeltes, das dem wandernden Gottesvolk Heimat gibt", erläuterte Pfarrer Woykos, Kulturbeauftragter des Kirchenkreises Herne, die theologische Aussage ihrer Architektur. Diese Aussage habe gerade in einer Zeit, als viele Menschen ins Ruhrgebiet kamen, weil sie ihre Heimat verloren hatten, Gewicht. "Die Kirchengemeinden haben vielen entwurzelten Menschen eine Heimat gegeben", so Woykos.
Aber die drei genannten Kirchen haben noch mehr zu bieten: Der bedeutende Bildhauer Max Kratz (1921-2000) hat sie mit seinen Werken ausgestaltet, so dass beispielsweise die Namen der Kirchen durch die verschiedenen Plastiken Gestalt haben: Schon die emaillierten Türgriffe der Johanneskirche sind geschmückt mit Worten aus dem Johannesevangelium und auch die Darstellung von Christus stellt nicht sein Leiden in den Mittelpunkt. Umrahmt von zwölf Sonnen ist er den Kirchenbesuchern mit einer Segenshaltung zugewandt, als Licht der Welt oder Tür zum Leben, „wobei die die Deutung letztlich im Auge des Betrachters liegt“, wie Pfarrer i.R. Götz Kratzenstein betonte. In Wanne-West zeichnen vier Reliefplatten an der Altarrückwand Kreuzigung und Auferstehung nach. Der Namensgeber der Rauxeler Pauluskirche ist das letzte Werk von Max Kratz aus dem Jahr 1991. Der Apostel steht auf den Symbolen Kreuz, Herz und Anker, er wird also getragen von Glaube, Liebe und Hoffnung. In der Pauluskirche befindet sich mit der Abendmahldarstellung auch die erste sakrale Betonplastik.

- Max Kratz (1921-2000)
Im Jahr der Kulturhauptstadt lädt der Kirchenkreis Herne dazu ein, diese Kirchen und die Werke Max Kratz' (neu) zu entdecken.Dazu werden die Bilder von Klaus-Michael Lehmann gezeigt…
…vom 15. August bis zum 23. September in der Johanneskirche Schwerin, Am Weißdorn 3, Castrop-Rauxel
…vom 26. September bis zum 27. Oktober in der Pauluskirche Rauxel, Alleestraße 4, Castrop-Rauxel
…vom 31. Oktober. bis zum 27. November in der Auferstehungskirche Wanne-West, Bickernstraße 46, Wanne-Eickel
Öffnungszeiten sind sonntags nach den Gottesdiensten und nach Absprache unter Telefon (02323) 98 68 66. Es können auch Gruppenführungen verabredet werden. Hier können Sie sich das Faltblatt zu den Ausstellungen herunter laden.




